So wie es momentan ausschaut, hat das US-Handelsministerium Anthropic per Verfügung untersagt, die beiden leistungsfähigsten Modelle Fable 5 und Mythos 5 an ausländische Staatsbürger auszuliefern. Egal, ob jemand in Berlin, in Belgrad oder mitten in San Francisco sitzt: Wer keine US-Staatsbürgerschaft hat, darf nicht an die leistungsfähigen Modelle von Claude ran. Die Verfügung trifft sogar die Ausländer, die für Anthropic arbeiten.
Eine saubere Trennung war nach Angaben von Anthropic kaum machbar, also hat das Unternehmen die Modelle dann einfach für alle abgeschaltet. Die übrigen Claude-Modelle wie Opus 4.8 oder 4.7 laufen weiter.
Es kann gut sein, dass die Geschichte in ein paar Tagen erledigt ist. Aber eins steht fest: Mit einer einzigen Verfügung wird jeder, der kein US-Amerikaner ist, von einem leistungsstarken KI-System getrennt.
Wenn ich jetzt ein Optimist wäre, würde ich sagen, dass dies der Weckruf ist, den die EU und ein großer Teil der europäischen Länder gebraucht haben. Ich befürchte allerdings, dass die Verantwortlichen auch bei diesem Ereignis ein weiteres Nickerchen einlegen werden.
Alles schön auslagern
Klar, wir könnten uns jetzt hinstellen und wie üblich über den bösen Ami oder Trump schimpfen. Das werden mit hoher Wahrscheinlichkeit viele machen. Aber erstens löst dies das Problem nicht und zweitens ist das Problem hausgemacht und nicht neu.
Das Muster ist nicht nur nicht neu, sondern betrifft mehrere Felder der EU-Länder. Bei der Energie hieß es jahrelang: »Die Russen machen das schon und liefern uns billiges Gas und Erdöl.« Dazu wurden große Teile der Produktion einfach nach China ausgelagert.
Bei der Arbeit hieß es viele Jahre: Lieber günstige Kräfte aus Süd- und Südosteuropa holen, statt selbst in die Ausbildung der eigenen Leute und in vernünftige Löhne und Arbeitsbedingungen zu investieren. Darüber, welche negativen Folgen der sog. Brain-Drain in den Herkunftsländern hatte, ganz zu schweigen.
Und bei der digitalen Infrastruktur? Bei der Cloud, bei den Suchmaschinen, bei den sozialen Netzwerken und wie jetzt bei der KI: alles schön auslagern. Wenn die Amis es nicht schaffen, dann halt die Chinesen. Wir ernten die Früchte.
Auslagern ist eben erst mal billiger und einfacher, als selbst etwas aufzubauen. Das geht so lange gut, bis es dann eines Tages schiefgeht. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.
Lieber regulieren statt bauen
Während drüben gebaut wurde, haben wir vor allem eines getan: reguliert. AI Act, DSGVO, DSA, dazu ein Urheberrecht, das das Training mit Daten zur juristischen Glückssache macht. Nicht alles an den Regulierungen ist schlecht, und rein vom Gedanken her ist der Datenschutz eine prima Sache.
Mir geht es um die geistige Einstellung. Ich erinnere mich gut an die Bilder und die Aussagen von manchen EU-Politikern, die sich mit diesen Regulierungen in arroganter Art und Weise gebrüstet haben. Das Regulieren wurde zelebriert und das Bauen wurde vernachlässigt.
Dass die Überregulierung die Initiative und den Unternehmergeist ersticken kann, scheint für viele Verantwortliche ein Mysterium zu sein.
Auch wenn die EU morgen hunderte Milliarden zur Verfügung stellen würde, fehlen die Chips, die Rechenzentren, die Kraftwerke und vor allem eine eigene Frontier-KI, die bei der Entwicklung der nächsten Generation hilft. Mal davon abgesehen, dass viele europäische Forscher und Programmierer bereits für die US-Unternehmen arbeiten.
»Aber, wir haben doch Mistral in Frankreich.« Sicher, aber das ist momentan das Ambitionierteste, was der ganze Kontinent zu bieten hat. Die ganze Kriegskasse von Mistral passt wahrscheinlich komfortabel in die Portokasse von OpenAI oder Anthropic. Hinzu kommt, dass das neue Rechenzentrum bei Paris mit Tausenden Nvidia-Chips läuft. Also genau der Hardware, über deren Export am Ende die USA entscheiden. Mistral hängt damit am selben Seil wie alle anderen und spielt mit seinen Modellen im oberen Mittelfeld mit. Ein dünner Silberstreifen am Horizont, mehr aber leider nicht.
Und was nun?
Dass der Zug komplett abgefahren ist, würde ich nicht sagen. Aber wir innerhalb der EU stehen noch nicht einmal am Bahnsteig. Wir haben uns auf dem Weg zum KI-Bahnhof im Verkehr der Regulierungen verfranzt. Und mir fehlt es ehrlich gesagt an Fantasie, wie wir das Problem lösen können … Ich muss mich korrigieren. Fantasie fehlt mir zwar auch, aber noch mehr fehlt es mir an Vertrauen, ob die EU das Ganze wirklich als Problem erkennt. Ich meine richtig erkennen. Ich rede nicht von Absichten in Sonntagsreden.
Wie sieht ihr das? Seht ihr noch realistische Chancen, dass die EU-Länder zumindest in die Sichtweite der US-Anbieter aufrücken können?

