Im Sommer hatte ich ein Gespräch mit einer Kollegin und Anlass war eine der unzähligen KI‑Meldungen. Sie fragte mich, wie ich die aktuelle Lage und vor allem die Zukunft von WordPress einschätze und, ob ich die Gefahr sehe, dass WordPress irgendwann von der Bildfläche verschwindet.
WordPress als Alltags-Infrastruktur?
Ich war damals überzeugt, dass WordPress nicht verschwinden wird. Es würde wohl noch ein bisschen an den Marktanteilen verlieren, sich bald stabilisieren und dann allmählich zu einer Art »Alltags-Infrastruktur« im Web werden.
So wie heute kaum jemand von Redakteuren auf Anhieb weiß, welche PHP-Version auf dem Server läuft, und so in etwa, wie kaum ein Mieter auf Anhieb genaue Infos zur Elektrik und Verkabelung in der Wohnung parat hat. Das sind Sachen, die werden vorausgesetzt, laufen im Hintergrund, sind aber dennoch äußerst wichtig. Erst wenn sie nicht funktionieren, fängt man an, sich wirklich Gedanken darüber zu machen.
Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, ob meine Einschätzung noch passt. Um genauer zu sein, einige der Meldungen stützen meine Einschätzung, andere deuten eher auf ein etwas pessimistisches Szenario hin. Hier einige Gedanken von mir und ich bin gespannt, wie ihr die Lage einschätzt.
Einfachheit war der Grund für den Aufstieg von WordPress
Jeder, der in den Jahren 2002 oder 2003 versucht hat, auf dem Server ein Perl-Skript oder eine PHP-Anwendung zum Laufen zu bringen, weiß genau, wie umständlich und unnötig kompliziert es vielfach war. Dann kam WordPress mit seiner berühmten »5‑Minuten-Installation« und für viele Leute war das ein krasses Aha-Erlebnis.
Klar, am Anfang hatte WordPress lachhaft wenig an Funktionalität zu bieten. Es war aber einfach und das hat viele Menschen ermutigt, es zu installieren und loszulegen. Blogs und kleine Websites wuchsen, sprichwörtlich wie die Waldpilze nach dem Regen.
Das ist damit gemeint, wenn gesagt wird: »WordPress hat das Web demokratisiert«. Auch jemand, der kein IT-Fachexperte oder Server-Admin war, war auf einmal in der Lage, ein Publikations-Tool einzurichten, zu betreiben und sich zu vernetzen.
Blog-System → CMS → E‑Commerce → Design-Tool
Genau diese Einfachheit hat WordPress zu seinem Aufstieg verholfen. Obwohl die anderen Systeme auf dem Papier vielfach eleganter und leistungsfähiger waren, hat die Einfachheit das alles in den Schatten gestellt. Du warst schnell einsatzbereit und warst schnell in der Lage, deine Inhalte zu publizieren.
Mithilfe von externen Diensten und den Plugins, die bald kamen, hat man dann allmählich die fehlenden Funktionen nachgerüstet und somit fing der Aufstieg an. Zuerst zum ernst zu nehmenden CMS, dann zu einer E-Commerce-Plattform und mittlerweile zu, wie ich es nenne, einem Design-Tool.
Heute sind andere einfach und schlank
Mittlerweile fühlt sich WordPress nicht mehr so schlank an und es ist auch nicht mehr so schnell einsatzbereit. Zur Zeit von Themes wie Kubrick, 2010 oder 2011 konntest du eine Seite installieren, ein wenig anpassen und schon den ersten Inhalt publizieren, und das alles unter einer Stunde, während du dabei noch gemütlich deinen Kaffee getrunken hast.
Heute ist es aus einer Reihe von Gründen anders. Klar, es ist eine andere Zeit, Menschen haben höhere Ansprüche, aber vieles liegt auch an WordPress und seinem Ökosystem selbst.
Jetzt sind andere Lösungen einfacher. Auch wenn es vielfach nur vermeintlich ist. Es ist deutlich unkomplizierter, mit einer KI zu quatschen, und die übernimmt den Rest für dich, als sich in eine Tool-Oberfläche einzuarbeiten.
Wenn ich via ChatGPT oder Claude auf Sistrix, Ahrefs oder Supermetrics zugreifen und von dort die Infos holen kann, warum soll ich mich dann ernsthaft in die Oberfläche der einzelnen Tools einarbeiten? Die Zeit für eine ernsthafte Einarbeitung in die Tools muss man auch erst mal haben.
Es ist schon seit Längerem möglich, Skripte, kleinere Apps, einfache WordPress-Plugins und auch umfangreiche Google-Tabellen und Diagramme zu erstellen, ohne Ahnung von PHP, Javascript oder Google Apps Script zu haben. Warum sollte es daher nicht möglich sein, WordPress-Projekte via Claude, ChatGPT & Co. zu erstellen und zu betreuen? Nicht zuletzt so Projekte wie Elementor MCP zeigen, wo die Reise hingehen kann.
Die KI wird zu einem universellen Dashboard und einer Steuerzentrale und die anderen Tools stellen Informationen, Daten und Funktionen bereit. Diese Zukunft wird auch WordPress ereilen und das wäre meiner Meinung nach die optimistische Variante.
WordPress als Perl des World Wide Webs?
Wer kann sich noch an Perl erinnern? Diese Programmiersprache in Verbindung mit CGI (Common Gateway Interface) war zu Anfang des Jahrtausends das Power-Duo, wenn es darum ging, etwas auf dem Server zu machen oder Dynamik ins Web zu bringen. Perl ist aber nicht komplett weg, lebt jedoch ein sehr abgeschiedenes und ruhiges Leben in der Provinz. 😀
Perl läuft nicht nur in vielen Legacy-Projekten, sondern auch als wichtiges Tool für Server-Admins, etwa bei der Logfile-Analyse, bei der Automatisierung von Cron-Jobs usw. Es wird auch fleißig weiterentwickelt. Aber es wird kaum noch für neue Projekte herangezogen.
Ähnliches Schicksal, denke ich, wird WordPress langfristig ereilen, und der Trend begann in seiner zarten Form schon vor der KI. Stichwörter hierfür sind »Headless CMS« und »Headless WordPress«. Das heißt, WordPress dient lediglich als Ort, an dem die Inhalte gespeichert werden, die Ausgabe erfolgt anderswo. WordPress stellt Backend bereit, Frontend wird von anderen Systemen geliefert.
Ohne Community, Untergang auf Raten?
Es könnte aber noch schlimmer kommen. Die Gefahr besteht, dass WordPress nahezu komplett verschwindet. Das oben geschilderte Perl-Szenario hört sich nach einem gemütlichen Leben in einem Häuschen im Grünen an. Allerdings haben Perl und z. B. jQuery – eine weitere Technik, die gemütlich in der Abgeschiedenheit lebt – einen Vorteil gegenüber WordPress.
Andere Systeme sind auf sie angewiesen. Admin-Skripte, Frameworks oder Distributionen sind auf Perl angewiesen. WordPress ist eine Endanwendung und dadurch eher austauschbar.
Klar, ein riesengroßes Webprojekt mit ausgefeiltem redaktionellem Arbeitsablauf oder ein mehrsprachiges WooCommerce mit mehreren Tausend Kunden, wird auch noch vermutlich in zehn Jahren auf WordPress setzen. Aber kleinere und mittelgroße Projekte sind mit einem vertretbaren Aufwand auf andere Plattformen oder Lösungen transportierbar. Und diese eher kleineren und leichteren Projekte bilden die Mehrheit bei WordPress.
Schon im Juni dieses Jahres schrieb ich über die teils kräftig gesunkenen Zahlen bei der Verbreitung und beim Marktanteil. Im Januar 2025 erreichte WordPress mit 43,6 % die höchste Verbreitung. Im Juni 2026 fiel es auf 41,9 und aktuell im Oktober sind es 40,1 %. Das heißt, innerhalb von 22 Monaten ist die Verbreitung um satte 3,5 Prozentpunkte gefallen. Das ist ordentlich. Und das Thema KI und MCP ist in Bezug auf den Großteil der Leute noch absolut in den Kinderschuhen. Die große Welle kommt noch.
Wenn also irgendwann die WordPress-Welt nur noch aus großen und stark angepassten Legacy-Projekten besteht, dann wird auch ein großer Teil der Community verschwinden. Und ausgerechnet die Community war es, die WordPress zum Durchbruch und zu der jetzigen Marktposition geführt hat. Die Community war es, die unzählige Blogartikel, Anleitungen, Code-Schnippsel, kostenlose Plugins & Themes zur Verfügung gestellt und Konferenzen, Treffen, Stammtische und WordCamps organisiert hat.
Wenn die Verbreitung schrumpft, trocknet auch die Community aus und das wiederum wird dazu führen, dass die Verbreitung weiter schrumpft usw. Schaut euch mal die Zahlen zu Joomla und Drupal an. Joomla hatte im Oktober 2023 1,8 % und nun 1,1 % Verbreitung. Drupal hatte 1,1 und jetzt lediglich 0,6 % Verbreitung.
Wer jetzt entgegnet, dass ein sinkender Marktanteil nicht zwangsläufig eine schrumpfende Community zur Folge haben muss, dem entgegne ich: Ich hoffe, dass du recht hast, aber ich befürchte schon. Vielleicht nicht kurzfristig, aber mittelfristig schon.
Und wenn ich zwischen den Zeilen von dem Automattic-Projekt Spacefast.com lese, dann scheint es wohl so, dass man sich auf eine Zukunft vorbereitet, in der WordPress nicht mehr eine Hauptrolle spielt.

